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Interviews

Siegfried Eckert

Pfarrer aus Bonn

Sich auch in schwierigen Zeiten für andere einsetzen, etwas abgeben vom eigenen. Notstände und Ungerechtigkeiten erkennen, auch wenn es einen selbst nicht betrifft.

Ja unbedingt! Solidarität bedeutet in diesem Kontext, darüber nachzudenken, dass alle Menschen gleichberechtigt Zugang zum Netz haben und die Chance erhalten, entsprechende Fähigkeiten zu erwerben, um die Digitalisierung nutzen zu können. Junge Menschen realisieren solidarisches Verhalten anders als die Generationen vorher. Vieles lebt von Spontanität, sich nicht fest in Strukturen binden wollen etc. Insofern ist die Erscheinungsform von Solidarität fluider, was nichts über den Inhalt aussagt.

Den oben erwähnten Grundsatz digital zu verbreiten. Neues Denken, wenn es zum Beispiel um die Schaffung neuer Arbeitsplätze geht. Potentiale und Gefahren abwägen und gestalten. Mehr offener Dialog aber auch die selbstbewusste Definition von Fachwissen. Noch mehr Netzkompetenz für alle. Solidarität wird schwieriger, weil die Blasen, in denen wir alle uns aufhalten, den Blick für andere verstellt und oft nicht mehr ermöglicht. Es ist mühsamer, die „anderen“ zu entdecken …

Der Einsatz für andere, denen es nicht so gut. Kritische und pragmatische Reflexion von Unterschieden, offenes Eintreten für andere, auch wenn es nicht immer opportun erscheint.

Ungleiche Besteuerung, das Vertiefen von Unterschieden, das Beharren auf dem eigenen Erreichten. Filterblasen, siehe oben.


Dr. Isabell Lisberg-Haag (Beiratsmitglied)

Geschäftsführerin bei der Trio Service GmbH, Agentur für Wissenschaftskommunikation

Immer wieder lesen wir im Neuen Testament von Jesus, wenn er auf Kranke, Bedürftige und Notleidende traf, dass es heißt: „Und es jammerte ihn.“ Solidarität heißt für mich zu allererst, sich vom Leid und der Not des anderen berühren zu lassen.

Wenn Solidarität eine Herzensangelegenheit ist, warum muss die Definition von Solidarität überdacht werden? Vielleicht, weil uns das digitale Zeitalter mehr Schicksale in Windeseile zu Herzen gehen lässt?

Die Chancen und Grenzen des weltweiten Netzes sind zu sehen und in einer guten Balance zu halten. Die Überflutung mit Bildern, Informationen und Schicksalen verlangt ein waches Herz. Letztlich geht es ums Konkrete, die Tat, die Hilfe, die Fürsorge, den Kampf für einen Menschen, und noch einen Menschen, und noch einen Menschen…

„Einer trage des anderen Last so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“ In meiner Arbeit als evangelischer Pfarrer ist mir dieses biblische Wort zum Leitwort geworden und die Seligpreisungen zur Magna Charta meines Glaubens. Erfüllen tue ich dies alles nicht, aber jeden Tag neu möchte ich mich darum bemühen.

Geiz, Neid, Gleichgültigkeit, Egoismus, Trägheit, Völlerei, Missachtung der Menschenrechte, eine Politik nicht des Rechtes und der Gerechtigkeit, sondern der marktkonformen Demokratie.


Peter Ruhenstroth-Bauer

Geschäftsführer der UNO Flüchtlingshilfe e.V.

Solidarität ist der Oberbegriff für den Zusammenhalt und das füreinander-Einstehen der Starken für die Schwachen in einer Gesellschaft. Sie kommt vielfältig zum Ausdruck; zum Beispiel in gleichen Startbedingungen für Kinder und Jugendliche in der Bildung, in einer gerechten Steuerpolitik, in guten ökonomischen Voraussetzungen für Familien u.v.a.m. Solidarität ist also mehr als nur ein Schlagwort, es beschreibt eine Haltung, die sich durch viele Politikbereiche zieht. 

Vor vielen Jahren schon hat der Medienwissenschaftler Neil Postman vor der wachsenden Kluft zwischen denjenigen gewarnt, die über digitale Kompetenz verfügen und denjenigen, die als reine content-Konsumenten gelten. Solidarität muss daher gerade auch im digitalen Zeitalter überdacht werden. 

Auch digital ist Solidarität ein Oberbegriff. So muss es um nachhaltige Strategien gehen, wie die Kluft zwischen Wissenden und Konsumenten überwunden wird. Es muss auch sichergestellt werden, dass in der „neuen, schönen digitalen Arbeitswelt“ Prozesse nicht auf dem Rücken der Schwächsten organisiert werden.

In meinem beruflichen Alltag spiel Solidarität eine zentrale Rolle: Solidarität mit den über 65,5 Millionen Menschen, die sich weltweit auf der Flucht befinden. Wir, die UNO-Flüchtlingshilfe, mobilisieren die Unterstützung der deutschen Zivilgesellschaft für das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR). Da wird dann ein Schlagwort ganz schnell dem Realitätstest ausgesetzt.

Partikularinteressen und Egoismen ver- und behindern Solidarität. Eine weltoffene und vielfältige demokratische Gesellschaft sind der beste Treiber für gelebte Solidarität.



Arno Steffen

Musiker und Mitglied bei Arsch Huh e.V. 

Solidarität ist in und war zu allen Zeiten ein Prinzip der Mitmenschlichkeit. Zu Zeiten der industriellen Revolution strukturiert von einem Nutzenkalkül zur Durchsetzung von Zielen der Arbeiterbewegung. Der Regisseur Ken Loach bezeichnete Solidarität als „Die schärfste Waffe der Arbeiterbewegung.“

Solidarität braucht Nähe und Kommunikation. In den heutigen Zeiten der Globalisierung und Digitalisierung sind Teile dieser Nähe und Kommunikation im Sinne von zwischenmenschlichen Kontakten zum Teil verschwunden. So finden – z.B. durch Homeoffice oder Wegfall der Fließbandarbeit durch Roboter - immer weniger gemeinsame Tätigkeiten von Menschen an festen Arbeitsplätzen in Betrieben statt. Gewerkschaften und Parteien sind auch somit in der Rückwärtsbewegung der Solidaritätsentwicklung und finden auch dadurch immer weniger Resonanz und Akzeptanz und bekommen ein Negativ Rendezvous mit der Globalisierung. 

Durch die Diversität und die Vielfalt von verschiedenen Lebensmodellen, Lebensverhältnissen und Identitäten in einer globalisierten Welt ergeben sich neue komplexe soziale Zusammenhänge. Strukturelle Veränderung der Arbeits und Lebenswelt bringen z.B. in veränderten Firmenstrukturen einen neuen Typus des Egoismus hervor, der ökonomisches Streben allen anderen ethischen und gesellschaftspolitischen Werten unterordnet und der damit den lebenden Widerspruch zum Individualismus der 68er darstellt. Die Linke holt mit ihrer neoliberalen Politik, ihren Agendas und den geschürten Verteilungsängsten in der Gesellschaft kein Solidarisierungspotential mehr ab.

Solidarität muss heute konstituiert sein aus freien Stücken und sich speisen aus der Erkenntnis einer gemeinsamen zivilisatorischen Werteorientierung und Verantwortung. Zu diesem Topf gehören die Kernsätze aller Religionen, ebenso die Gedanken der Philosophen, und natürlich Kunst und Musik, also Kultur. Entscheidend ist, die Einmaligkeit und die Zerbrechlichkeit dieser Welt zu schützen, zu der wir alle gehören und die uns allen gehört. 

Solidarität mit dem Ökosystems Erde, solidarisch mit den Menschen. Solidarisch gegen die Folgen des Klimawandels und gegen die bedingungslose Ausbeutung und Unterdrückung von Menschen und gegen die Selbstvernichtung durch den Menschen.